Shinji Mikami hat mich einiges über Angst gelehrt. Mit Resident Evil brachte er mir Grusel bei und mit dem Meisterwerk Resident Evil 4 durfte ich einiges über blanke Panik herausfinden. Nun kehrt der Altmeister mit The Evil Within zurück, bereit mir eine neue Lektion zu erteilen.

“Die Entwickler verstehen es jedoch diese Mankos mit Grieselfiltern und einer irrsinnig atmosphärischen Farbgebung, die in uns in einigen Momenten wohlige Erinnerungen an Silent Hill 2 beschert hat, zu verschmerzen.”

Detective Sebastian Castellano wird mit seinen Kollegen zu einem Notruf in einer Nervenheilanstalt gerufen. Neben einem halben Dutzend leerer Streifenwagen findet das Ermittlertrio auch das Anstaltspersonal. Tot, massakriert, nur noch als roten, nassen Fetzen am Boden zu erkennen. Kaum zwei Minuten später wird Castellano von einem geisterhaften Wesen attackiert. Der Albtraum beginnt kopfüber, als unser Protagonist hängenderweise aufwacht.

Umgeben von Leidensgenossen, die es jedoch schon hinter sich haben, müssen wir mit anhören, wie ein behelmter Irrer einen Körper auseinandernimmt und den zerfetzten Torso zur näheren Bearbeitung auf seine Werkbank schleppt. Dank eines Messers in einem Nachbarkörper gelingt es uns zu entkommen. Denkste! Der Polizist löst versehentlich einen Alarm, wird vom mittlerweile Kettensäge schwingenden Helmträger verfolgt und in einen Durchgang mit aufeinander zuschwingenden Messern eingeschlossen. Der Weg aus diesem Metzgerwahnsinn führt uns durch eine Falltür in den nächsten Wahnsinn: Eine große Restewanne voller Körperflüssigkeiten und Leichenteilen. In den beschriebenen ersten paar Minuten von The Evil Within trennt wahrlich die Spreu vom Weizen. Wer mit dem expliziten Gesplatter nicht klar kommt sollte dringend abspringen, denn besser wird es beileibe nicht. Wer aber dennoch Nerven zeigt und durchhält, der wird mit wirklich lohnenden WTF-Momenten belohnt!

Wir fallen in eine Grube, mit dem Schlimmsten rechnend und landen… in einem Blumenfeld? – Hääää? Wir schaffen es irgendwie aus dem Irrenhaus und landen wo? In der Apokalypse, wo Straßen aufbrechen und Städte zerstört werden. In einem Krankenwagen versucht der Held diesem monumentalen Wahnsinn zu entkommen, verunglückt… und wacht im Sanatoriumsbett auf, wo ihn eine Krankenschwester über sein Wohlbefinden nach diesem Unfall fragt. Was geht hier vor? Ständig zweifeln wir an unserer Wahrnehmung. Ist das alles nur in meinem Kopf? Kämpft meine Psyche gegen etwas? Gegen mich selbst? Diese Unsicherheit ist eine der großen Stärken von The Evil Within. In einen Horrortrip gehören natürlich auch Horrorgestalten. Davon gibt es in Mikamis-Gruselkabinett weiß Gott genug. Aber anstatt ihnen wie Leon S. Kennedy mit allerhand Kalibern zu Leibe zu rücken, muss ich sich Detective Castellano zunächst in Geduld üben. Die zomboiden Kreaturen reagieren empfindlich auf Geräusche, weshalb Schleichen angesagt ist. Sollte das nicht fruchten, gibt es zum Einen die Möglichkeit sich, wie in Outlast oder zuletzt in Alien Isolation unter Betten oder in Schränken zu verstecken. Zum Anderen sollte man sich der überall herumliegenden Glasflaschen bedienen, um die fleischfreudigen Gesellen auf eine falsche Fährte zu locken. Wird der Cop trotzdem entdeckt und geschnappt, werden wir Zeuge einer Todesszene, die uns unser Versagen sehr deutlich vor Augen führt.

Dank des Messers, welches wir unser eigen nennen, können wir kleinere Gegner lautlos ein Loch in die Rübe bohren. Das ist wichtig, denn Feinde mit funktionierendem Hirn stehen immer wieder auf. Nur gut, dass das Pack genauso entzündbar ist, wie ihre Verwanden in Resident Evil. Im weiteren Spielverlauf bekommt Sebastian Waffe um Waffe in die Hand gedrückt, was das Schleich-Gameplay mehr und mehr actionreicher gestaltet. Neben den üblichen Verdächtigen ist auch eine Armbrust an Bord, die verschiedene Munitionstypen verschießt. Das ist bei Bossgegnern, wie dem erwähnten Kettensägenonkel praktisch. Mit dem Eisbolzen wird der Mistkerl fixiert, mit dem Explosionsbolzen durchgeschüttelt.

Gelegentlich wird der spannungsschwangere Spielablauf von Rätseln aufgelockert, die in ihrem Anspruch variieren, aber keinen vor unlösbare Aufgaben stellt. Technisch zeigt sich The Evil Within zwiespältig. Die verwendete id Tech-Engine zeigt in Innenräumen ihre Stärken, vor allem durch die großartige Darstellung von Licht. Aber in Außenarealen sieht man dem Grafikgerüst auch ihre Schwächen an. Relativ spät nachladende Texturen und bisweilen niedrig aufgelöste Objekte trüben den Eindruck genauso, wie die zappeligen Animationseinlagen des Herren Polizisten. Die Entwickler verstehen es jedoch diese Mankos mit Grieselfiltern und einer irrsinnig atmosphärischen Farbgebung, die in uns in einigen Momenten wohlige Erinnerungen an Silent Hill 2 beschert hat, zu verschmerzen. Der sehr direktionale Sound überzeugt überzeugt genauso, wie die deutsche Sprachausgabe. Dabei hat Bethesda für den Protagonisten, wie auch schon im Schleich-Reboot Thief, Synchronsprecher Sascha Rotermund verpflichtet, der seine Arbeit stets überzeugend macht. Spitzohren erkennen seine Stimme als die von Smaug aus Der Hobbit, Khan aus Star Trek Into Darkness oder Driss aus Ziemlich beste Freunde. Der Soundtrack aus den Federn von Masafumi Takada hüllt The Evil Within in ein dunkles Horror-Flair und verpasst dem Ganzen regelrechte Kino-Knieschlotter-Atmosphäre.

 

 

The Evil Within ist ein Sturmangriff auf Euer Nervenkostüm und, aufgrund seiner harten Gewaltdarstellung, eine Mutprobe für Euren Magen. Die Handlung kommt recht langsam in Fahrt, weiß aber zu überzeugen. Gerade die ersten Kapitel sind für Quereinsteiger mit einem recht hohem Schwierigkeitsgrad versehen, der sich im Laufe der Geschichte jedoch senkt. Der Gruselfaktor wird in The Evil Within groß geschrieben, neben Gänsehautfeeling fragen wir uns, wie schon zu The Last of Us, ob die Munition ausreicht. Haben wir noch genügend Spritzen? Wann kommt der nächste Checkpoint, und schaffe ich mit der wenigen Munition den nächsten Endgegner? In The Evil Within erwartet Euch ein Meisterwerk getaucht in monochromes Geschehen mit teils surrealistisch wirkenden Partikeleffekten. Meister Mikamis neuestes Werk schafft es, dass eingeschlafene Segment des Survival-Horrors im AAA-Segment zu reanimieren und bewegt sich dabei gekonnt zwischen der Stimmung eines Silent Hill und die eines Resident Evil 4. Der Japaner hat mir einiges über Horror beigebracht. Seine neueste Lektion sollte sich kein Freund des Genres entgehen lassen.


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Autor: Tim Hildebrandt

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