Stellt euch vor es ist interstellarer Krieg und keiner weiß davon. So oder ähnlich kann man den Taktik-Shooter The Bureau: XCOM Declassified von 2K Games zusammenfassen. Warum das Wörtchen XCOM, dem Namen einer der besten Echtzeit-Taktik-Reihen, im Untertitel auftaucht hat zweierlei Gründe. Grund Numero Uno: The Bureau firmierte seit der Ankündigung vor nunmehr dreieinhalb Jahren unter dem schlichten Titel XCOM und wurde vom Studio 2K Marin als Ego-Shooter konzipiert. In dem Genre kennen sich die Kalifornier aus. Schließlich brachten sie mit Bioshock 2 einen ebenbürtigen Nachfolger zu einem der Spiele des Jahres 2007. Lange Zeit war nichts über das Projekt zu hören. Im Oktober schließlich der Paukenschlag: Anderer Name, anderes Genre. Aus First Person wird Third Person, aus Action wird Taktik. Grund Numero Duo: Die Story des Spiels dreht sich um die Gründung der titelgebenden Alien-Abwehr-Organisation. Kann aus dieser verwirrenden Historie ein gutes Spiel hervorgehen?

In New Mexico muss Agent Carter, seines Zeichens vom Unfalltot seiner Familie abgebrannter CIA-Mann, im Zimmer einer Militärbasis auf einen Koffer aufpassen. Keine Herausforderung. Einfach nur dasitzen, dass scheinbar wichtige Gepäckstück im Auge behalten und vielleicht ein oder zwei Gläser heben? Langweilig. Eine ominöse Frau taucht auf und möchte unbefugterweise den Koffer an sich nehmen. Die Dame entpuppt sich als Außerirdische und jagt Carter eine Kugel in die Schulter. Der Koffer detoniert! Als Carter aufwacht stellt er fest, dass die “Frau” tot, der Koffer verschwunden und er selbst, wie durch ein Wunder, unverletzt ist. Hinzu kommt, dass der Stützpunkt von Aliens überrannt wird. Der Koffer! Sie müssen hinter ihm her sein. Trotz aller Bemühungen die Basis zu retten, können die wenigen Überlebenden knapp der kompletten Vernichtung des Areals entgehen. Die Außerirdischen sind aus dem Schatten getreten und führen offen Krieg gegen die Menschheit. XCOM wird aktiviert, die Extraterristrial Combat Force. Vom unterirdischen Büro aus versucht die Einheit, der Carter nun angehört, die Menschheit zu verteidigen und die Zivilbevölkerung so weit wie möglich im Unwissen über die Invasion zu lassen.

Um erwähnten Eroberungsfeldzug zu vereiteln nehmen wir Missionen an, die sich meist um die Rettung einer Zielperson – die Zerstörung oder Deaktivierung eines Feindkomplexes drehen. Wir bewegen Agent Carter, wie bereits gesagt, in der Schulterperspektive durch vom Krieg gebeutelte Stadtgebiete und Alien-Basen. Wer denkt, dass wir uns eine goldene Nase damit verdienen, wenn wir wie ein Berserker durch die Level hetzen und alles, was nicht von dieser Welt ist einfach so vom Bildschirm pusten, landet schnell im Leichensack. Und mit schnell meinen wir verdammt schnell. Schneller als ihr XCOM buchstabieren könnt! Um zumindest nicht sofort ins Gras zu beißen müssen wir die Grundregel “Deckung suchen” ernst nehmen. Sobald sich Alien-Pack bemerkbar macht solltet euch hinter Autos, Mauern oder ähnlichem verschanzen. Das machen wir aber nicht alleine. Carter ist stets mit zwei weiteren Agenten unterwegs, die sich in Bewaffnung und Fähigkeiten untereinander unterscheiden. Eure Kollegen nehmen zwar aktiv Deckung ihr solltet ihnen aber besser eine taktisch klügere Position zuweisen.

Wobei wir bei der zweiten Überlebensgrundregel wären: Das Team gewitzt einsetzen. Mit Druck auf die B-Taste rufen wir ein Kreismenü auf, über welches wir unseren Team-Mietgliedern Richtungsbefehle geben, ihnen Angriffsziele zuweisen und ihre Spezialfähigkeiten aktivieren. Je nach Klasse sind die Bürokollegen dazu in der Lage besonders starke Schüsse abzugeben, Geschütztürme und Schutzschilde zu errichten oder Mienen zu legen. Wir selber können unter anderem das gesamte Team heilen und Feinde kurzzeitig auf unsere Seite ziehen. Für erledigte Gegner erhält der Trupp Erfahrungspunkte, die in die Verbesserungen der Fähigkeiten gesteckt werden. Voraussetzung für das Ausbauen der Skill-Trees ist jedoch eine erfolgreiche Auseinandersetzung mit den Kontrahenten. Essenziell für den Sieg ist das regelmäßige Hin- und Herschalten zwischen Echtzeit und Taktik-Ansicht in der das Kampfgeschehen in extremer Zeitlupe abläuft. Wollt ihr nicht flankiert oder gar überrannt werden? Nutzt oft diese Ansicht und ihr erkennt relativ schnell die Stärke der Gegnerflut, die euch entgegen schwappt.

Die setzt sich aus unterschiedlichen Gegnertypen zusammen, die in der richtigen Kombination eine wirkliche Plage sein können. Mit von der Partie sind Serienlieblinge, wie die kleinen von Deckung zu Deckung huschenden Sektoiden. Es folgen die humanoiden Outsider und Phantome. Die beiden gibt’s auch in elitären Ausführungen mit Schutzschilden und extra aggressivem Verhalten. Unterstützt werden sie von fliegenden Drohnen, die uns von oben aufs Korn nehmen, bewegungsunfähig machen oder angeschlagene Gegner heilen. Ab und an mischen Brocken, wie die bei XCOM-Veteranen gefürchteten Mutons mit, denen man erst die Panzerung zerschießen muss bevor sie verwundbar werden. Werden wir von einer gut durchgemischten Gegnertruppe angegriffen helfen neben einem geschickten Abzugsfinger auch ein heller Kopf und ein ruhiges Gemüt. Es passiert nicht selten, da werden wir einfach so hinweggefegt. Das ist nicht unfair oder schlecht ausbalanciert, sondern stets unser eigener Fehler, weil wir entweder die Umgebung nicht zu unserem Vorteil genutzt haben, sprich mies positioniert waren, oder zu leichtsinnig vorgeprescht sind. In jedem Kampfszenario entdecken wir einen Weg das Schlachtenglück auf unserer Seite zu haben. Uns ist es oft geschehen, dass wir Kniffe wie erhöhte Positionen für Scharfschützen oder Engpässe zum Vermienen erst nach einem Gefecht entdeckt haben. Das motiviert zum erneuten Durchspielen. Hätte ich die Schlacht auch anders gewinnen können? Der generell hoch angesetzte Schwierigkeitsgrad und der Perma-Death unserer Kollegen macht aus dem Spiel eine herausfordernde Abwechslung im mainstreamisierten Einheitsbrei. Klar, Spiele wie Assassin’s Creed sind großartig, aber doch viel zu einfach angesetzt. The Bureau: XCOM Declassified ist schwer, aber schaffbar.

Das Büro untertage ist unser Fixpunkt im Spiel. Hier kehren nach jedem Einsatz zurück und wählen Haupt- und Nebenmissionen auf der Karte an und sprechen mit Mitstreitern und Vorgesetzten. Die Gespräche ähneln Rollenspielen, wie Mass Effect. Die Konversation treiben wir mit Optionen aus einem Kreismenü voran. Ganz wie in Mass Effect ? Weit gefehlt. Außer in wenigen Ausnahmen haken wir lediglich Gesprächsthemen ab ohne, dass wir Einflussnahme an der Story erwarten dürfen. Das mag zwar anfangs stören, relativiert sich jedoch schnell durch die gut geschriebenen Dialoge, die klar gezeichnet Charaktere und die professionellen Sprecher. Zumal wir einige Male dann doch in der Geschichte rumpfuschen dürfen.

In technischer Hinsicht baut 2K Marin auf die Erfahrungen aus Bioshock 2. Die zu Tode gerittene Unreal Engine 3 tut ihren Dienst mit gewohnt guter Lichtstimmung und meist scharfen Texturen. Über Ausrutscher wie gelegentliche Bildzeilenverschiebungen kann man bei einem solch verkopften Gameplay locker hinwegsehen. Auf akustischer Ebene gibt es nichts zu meckern. Vom Rumsen menschlicher Schüsse bis hin zu den fremden Klängen außerirdischer Plasmatechnologie werden sämtliche Sounds schön direktional wiedergegeben. Bioshock-Komponist Garry Schyman trifft mit seinem rein traditionalistisch orchestralen Stil, der sehr an Michael Giacchino erinnert, die Welt von The Bureau: XCOM Declassified auf den Punkt.

 

 

Offen gesagt habe ich von The Bureau: XCOM Declassified nicht viel erwartet. Die Änderungen in Name und Game-Design wertete ich als schlechtes Omen. Doch weit gefehlt! The Bureau: XCOM Declassified ist richtig gut geworden! Das durchdachte Gameplay lädt zum Tüfteln und Experimentieren ein ohne, dass die KI von großen Aussetzern geplagt wird. Die Story ist interessant und unterhält, von einigen Längen abgesehen, über die Spielzeit von ca. 14 Stunden durchgehend. Zumal nicht bloß Dialoge und Cutscenes, sondern auch viele schriftliche Aufzeichnungen eingesetzt werden. Einigen mag das Setting sauer aufstoßen. Mir persönlich sagt das Art Design der frühen 60er sehr zu. Krawatten- und Hutträger gegen hochtechnisierte Außerirdische? Komisch, aber auch saucool! Im Frühherbst, der von Grand Theft Auto V beherrscht wird empfehlen wir The Bureau: XCOM Declassified als absoluten Geheimtipp!


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Autor: Tim Hildebrandt

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