Jedes Jahr das altbekannte Spiel – Activisions Call of Duty-Franchise gehört mittlerweile zur turnusgemäßen Konstante eines jeden Spielejahres, ganz wie es EA Sports mit FIFA und Co. hält. Um diesen Rhythmus einer der erfolgreichsten Entertainmnent-Marken überhaupt zu sichern, arbeiten abwechselnd die beiden Studios Infinity Ward und Treyarch an jeweils anderen Teilen. Unterstützt werden sie von den ehemals ruhmreichen Spieleschmieden Raven (Jedi Knight) und Neversoft (Tony Hawk). Letztes Jahr gelang Treyarch mit Black Ops II ein überraschend guter Ableger mit Entscheidungsfreiheit, toller Story und einem glaubhaften Bösewicht. Kann Infinity Ward mit Call of Duty Ghosts mithalten?

“Die Entwickler könnten wir gleich mit in den Arm nehmen. Infinity Ward kam nämlich auf die zündende Idee Tauch- und Weltraumlevels in die Kampagne einzubauen. Beide Areale umhüllen unseren Helden mit Schwerelosigkeit, sodass wir in Feuergefechten auch die dritte Dimension einbeziehen müssen.”

Call of Duty Ghosts spielt in einer nicht näher benannten Zukunft, in der die ölspendenden Wüsten des Nahen Osten vernichtet wurden und die sogenannte Föderation (ein Zusammenschluss aus Venezuela, Brasilien und Chile) dadurch eine monopolistische Stellung auf dem globalen Energiemarkt gewinnen. Doch die militante Führung will mehr und zwingt die USA mithilfe ihrer eigenen Waffe, der Orbitalwaffe ODIN, die die meisten Großstädte dem Erdboden gleich macht, in einen defensiven Stellungskrieg. Als Logan Walker erleben wir die Kraft der Massenvernichtungswaffe in San Diego hautnah mit. Unserem Bruder hinterher hetzend entgehen wir auseinander brechenden Straßenzügen, einstürzenden Einfamilienhäusern und durch die Luft geschleuderte Tanklaster. Selten war ein Spielauftakt derart atemlos. 10 Jahre später befinden wir uns in den Ruinen der von der Freiheitsmauer geteilten USA. Die Mauer zieht die Frontlinie entlang des eroberten Südens und dem freien Norden. Als Logan müssen wir mit Bruder Hesh den Ghosts beitreten, jener schattenhaften Eliteeinheit, die unter Soldaten als Militärmythos angesehen wird. Ex-Ghost Rorke ist zum Verräter geworden, der auf der anderen Seite der Mauer die Pattsituation des Krieges schnell zum Schlechten wenden könnte. Ihn dingfest zu machen, seine Pläne aufzudecken und zu vereiteln ist das Ziel auf das wir fünf Stunden lang hinschießen.

Und die gestalten sich Call of Duty-typisch enorm rasant. Zwischen uns und dem Bandana tragenden Fiesling stehen nämlich hunderte bleispuckende Föderationshandlanger, die uns das Leben schwer machen wollen. In den höheren Schwierigkeitsgraden gelingt das sogar. Veteranen der Serie sollten zumindest auf Söldner beginnen, wo sie gefordert werden ohne nervenstrapazierende Stellen zu erleben. Wie gewohnt spielen sich die Schießereien dank der präzisen Steuerung und brauchbaren, aber nicht nobelpreisverdächtigen KI für Freund und Feind, sehr dynamisch. Nicht zuletzt, weil die sehr linearen Levels ab und an die Möglichkeit bieten Gegner zu flankieren. Ansonsten geizt das Spiel mit Neuerungen an der zentralen Spielmechanik. Das muss nichts schlechtes sein, schließlich geht auch dieses Jahr das Konzept aus “schießend durch den Level von einem spektakulären Skript-Event zum nächsten hetzen” voll auf. Ob dominosteinartig umfallender Wolkenkratzer oder Riesenexplosion, in jedem Level wartet stets ein cooler Augenöffner auf Euch.

Zu behaupten, Call of Duty Ghosts würde rein gar nichts Neues bieten wäre, aber eine glatte Lüge. Ein neues Feature, dass zur Enthüllung des Spiels bereits in den Vordergrund gerückt wurde, ist Riley, der Schäferhund unseres Bruders und Kameraden Hesh. Riley übernimmt im Grunde die Funktion einer Drohne. Auf Knopfdruck können wir ihn Feinden auf den Hals hetzen oder mit ihm synchronisieren, um den Bello direkt zu steuern und so das Gelände zu erkunden. Während dieser Passagen gilt es keine Aufmerksamkeit zu erregen und Widersacher zu umschleichen oder von hinten eine Umgestaltung der Halsgegend vorzunehmen. Der Unterschied zwischen Hund und Drohne ist folgender: Riley bewegt sich täuschend echt. Seine Reaktionen und Laute lassen uns ihn kennen lernen. Er wird uns in den paar Spielabschnitten in denen er vorkommt derart sympathisch, dass wir ihn für jeden niedergebissenen Feind am liebsten knuddeln würden. Guter Hund – feiner Hund, Platz!

Die Entwickler könnten wir gleich mit in den Arm nehmen. Infinity Ward kam nämlich auf die zündende Idee Tauch- und Weltraumlevels in die Kampagne einzubauen. Beide Areale umhüllen unseren Helden mit Schwerelosigkeit, sodass wir in Feuergefechten auch die dritte Dimension einbeziehen müssen. Neben den bekannten Richtungen müssen auch hoch oder runter manövrieren, um den Schüssen der aggressiven Taucher bzw. Astronauten zu entgehen. Da fühlt man sich angenehm an den Bond-Klassiker Moonraker erinnert, was sorgt für eine angenehme Abwechslung vom normalen Weltenretteralltag. Zumal der Meeresboden mit Tierwelt und Farbgebung, und das All mit zahlreichen hilflos herumschwebenden Gegenständen entzücken. Technisch macht Call of Duty Ghosts eigentlich alles richtig. Die Animationen sehen verdammt gut aus (Riley!). Die Charaktermodelle und Texturen könnten, trotz ihrer zumeist guten Darstellung, eine Frischzellenkur vertragen. Bei genauerem Hinschauen wollen wir beim Erblicken von klobigen Figuren und Texturbrei die fast schon antike Engine in die Tonne kloppen. Dafür gäbe es von uns gleich noch einen Drücker! Aber seien wir nicht unfair: Die Effekte und Beleuchtung sind äußerst stimmig gelungen. Untermalt wird das Ganze von einem wuchtigen Surround-Feuerwerk, das zwar nicht an die Nachbarn schockierende Authentizität eines Battlefield 3 oder 4 heranreicht, aber dennoch ordentlich den Staub aus den Ecken pustet.

Die Musik von David Buckley passt zwar prinzipiell, sie hat allerdings nur wenige Momente, um sich voll zu entfalten. Entfaltungsprobleme plagen Thomas Kretschmann, der die Rolle unseres kommandierenden Vaters spricht. Nicht nur, dass der deutsche Hollywood-Export eigentlich viel zu jung für die Rolle des grau melierten Veteranen ist, er darf außerdem meist nur den emotional zurückhaltenden Befehlshaber mimen. Schade, kennen wir Kretschmann doch als durchaus überzeugenden Darsteller von Führungspersönlichkeiten, wie die des Captain Engelhorn aus King Kong. Unnützes Wissen: Special Guest Ben Becker lieh in Modern Warfare 3 der Figur Soap seine Stimme und klang für einen Anfang 30-jährigen viel zu alt.

Aber was ist denn jetzt eigentlich mit der Handlung? Amerika im Krieg und Ghosts mittendrin schön und gut, aber hat Call of Duty endlich gelernt Charaktere zu zeichnen. Ja, das wissen wir seit Black Ops II’s Raul Menendes, der sich mit Vaas aus Far Cry 3, den Platz des besten Bösewichtes der letzten Jahre teilt. Ghost-Verräter Rorke kann diese Klasse zwar leider nicht erreichen baut jedoch durch seine fiese Stimme und seine sadistischen Züge genug Antipathie auf, um ihn im Laufe der Kampagne als klares Feindbild zu etablieren. Das mag zwar auch daran liegen, dass alle anderen Figuren keine Höhen erklimmen und Vierbeiner Riley dadurch problemlos zum Liebling avanciert, dass eigentliche Opfer ist aber die Föderation, die böse lateinamerikanische Allianz. Sie ist derart farblos, dass sie im Vergleich sogar die Russen der Modern Warfare-Reihe vielschichtig erscheinen lässt. Motivation oder sonstige Hintergründe suchen wir vergebens. Nur die in den Levels versteckten Rorke-Files bringen etwas Licht ins Dunkel. Klar, einen bösen muss es immer geben, Rorke in diesem Fall, und der funktioniert auch gut, aber Stormtrooper-artige Handlanger? Eine Geschichte, die von Stephen Gaghan stammt, der großartige Drehbücher zu Traffic (Oscar-Auszeichnung) und Syriana schrieb, erscheint bei einem solch unterrepräsentierten Szenario ziemlich stiefmütterlich.

 

 

Call of Duty Ghosts ist genau das was es sein will: Ein kurzweiliger Action-Kracher, der kompromisslos unterhalten möchte. Rorke ist ein klassischer Bösewicht aus dem Lehrbuch und Riley rockt sowieso. Man merkt, die Hundenummer zieht. Aber gerade im Vergleich zum letztjährigen Black Ops II, wirkt Ghosts in den Belangen Story und Spielzeit unterlegen. Die Handlung ist bei Leibe nicht schlecht, sie erlaubt sich keine Logiklöcher, ist dafür aber auch simpel. Ich hätte mich über die vielen Entscheidungen aus Black Ops II gefreut, die so viel narrative und auch spielerische Varianz brachten. Neben Actionkost für shooterverwöhnte Gamer, bietet Call of Duty Ghots Euch auch gelungene Abwechslung wie zum Beispiel die Tauchgänge mit den Haien! Unterm Strich ist Call of Duty Ghosts dennoch ein gelungener Teil der Reihe, der sich weder signifikante Neuerungen noch grobe Schnitzer leistet.


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Autor: Tim Hildebrandt

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