Call of Duty gehört neben Grand Theft Auto zu den erfolgreichsten und strahlkräftigsten Marken der Videospielgeschichte – und zu den umstrittensten: Call of Duty wird genauso gefeiert, wie verpönt. Im Netz liefern sich Anhänger und Hasser der langlebigen Shooter-Reihe in unzähligen Flame Wars teilweise würdelose Schlammschlachten. Uninspiriert und flach ist die Story, von Neuerungen oder Innovation keine Spur, im Design und auch technisch machte die Reihe seit dem offiziellen zweiten Teil der Reihe Anno 2005 keinen Schritt nach Vorne, so die Kritiker. Aber der Erfolg von straffer Spielführung, bombastischer Inszenierung und tadelloser Spielbarkeit sprechen für die Serie und ihren turnusgemäßen Einnahme-Rekorden. Mit Call of Duty Black Ops II steht der nun der insgesamt 13. Teil in den Läden und schafft es mit vielen kleinen Ideen positiv zu überraschen!

Wir schreiben das Jahr 2025: Eine internationale Gruppierung namens Cordis Die plant mit gewaltsamen Mitteln die Durchsetzung ihrer vom Marxismus geprägten Ziele. Die sektenhafte Organisation unter ihrem charismatischen Anführer Raul Menendez wird zu einer ernstzunehmenden Bedrohung für Weltordnung und Weltfrieden. Dem entgegen stellen sich David Mason und seine Kameraden vom SOC. Sie suchen Rat beim pensionierten Soldaten Frank Woods, der ihnen die Hintergründe von Menendez Vergangenheit und die Verbindung zu David Masons Vater Alex, dem Protagonisten des ersten Call of Duty Black Ops, wo er Opfer einer manipulierten Gehirnwäsche wurde, erzählt. Wir schlüpfen in Call of Duty Black Ops II also sowohl in die Rolle von David, der in der nahen Zukunft der Bedrohung Herr werden will, als auch in Rückblenden in die von Papa Alex, der in den 80ern die Anfänge des Fieslings miterlebt. Das schlägt sich auch aufs Spieldesign aus. Denn während die futuristischen Soldaten von Morgen mit modernster Technik hantieren dürfen, müssen die aktiven Teilnehmer des Kalten Kriegs mit vergleichsweise antiquierten Waffensystemen vorlieb nehmen.

Call of Duty Black Ops II ist ein Call of Duty-typischer Ego-Shooter: Wir werden in linearen Levels von einer Skriptsequenz zur nächsten getrieben und legen uns, dank des flüssigen Spielgefühls, mal laut mal leise mit allerhand Gegnern an. Alles wie immer also? Mit Nichten! Entwickler Treyarch hat sich für die Zukunftslevel eine Menge einfallen lassen. So haben einige der Knifften neben den bereits bekannten Laserzielhilfen auch einer Art Sonaroptik spendiert bekommen, die Gegner sogar durch Hindernisse hindurch schematisch darstellen. Die aus den Trailern bekannten Roboter gibt es gleich in mehreren Ausführungen. Zum einen die nervigen Quad-Drohnen, die eine bewaffnete Variante der heutigen rotorbetriebenen Fabrikate darstellen. Die fliegenden Dinger werden mit ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit und ihrer Fähigkeit plötzlich von oben aufzutauchen und unseren Schüssen zu entgehen, schnell zur Plage.

Dann gibt es noch hüfthohe Minipanzer, die mit ihren MG’s zum rollenden Bleiverteiler werden. Die großen Kampfmechs stapfen mit schwerer Gattling-Guns als gefährlichster Gegner durchs Spiel – oder als mächtigster Verbündeter. Denn wir dürfen in den Missionen Verbündete oder umprogrammierte Drohnen auf die Feindesschar loslassen, entweder direkt oder auf eigenen Befehl. Unbemannte Helikopter sind auch eine feine Sache, wenn es darum geht die Gegenseite richtig aufzumischen. Sehr praktisch! Genau wie der Spinnenroboter Ziggy, der ähnlich wie im Bond-Shooter Liebesgrüße aus Moskau, durch Lüftungsschächte krabbelt und riesig anmutenden Widersachern einen elektrischen Schock verpasst. Ziggy hat aber nur einen Gastauftritt genau, wie die selbsthaftenden Kletterhandschuhe und Wingsuites, die in einer coolen Flugeinlage zum Einsatz kommen. Diese Gimmicks vermitteln uns ein glaubwürdiges “Ich bin in der Zukunft“-Gefühl, da sie als Prototyp teilweise bereits existieren!

In 2025 geht’s genau wie 1986 auf Weltreise. Waren wir gestern noch mit Alex Mason in Angola und Panama unterwegs, schießen wir uns morgen mit Sohn David durch Myanmar, den Jemen oder Los Angeles! Beide Heldengenerationen müssen entweder bestimmte Ziele wie Panzer oder Hubschrauber vernichten, VIP’s eskortieren oder unbemerkt durch Feindesland gelangen. Die Entwickler geben sich sichtlich Mühe diese angestaubten Leitfäden dynamisch in die Missionen einzubinden. Zum Beispiel: Wir infiltrieren inkognito mit unseren Kameraden eine von Gegnern besetzte Einrichtung. Wir geben uns alle Mühe unauffällig zu bleiben, um den Aufenthaltsort einer zu beschützenden Zielperson ausfindig zu machen. Doch dies misslingt. Die Hölle bricht los als die Bösewichte unseren Schützling zuerst erreichen und Kidnappen. Evakuierung wird zur Verfolgungsjagd. Am Ende der bleihaltigen Hatz gilt es die Entführer zu erledigen und der Tag ist gerettet… oder auch nicht, denn das Versagen der Mission bedeutet nicht das unausweichliche Game Over. Stattdessen nimmt der Level mit der vergeigten Rettung einen anderen Ausgang und die Story verläuft fortan anders. Bedeutet das etwa Revolution im Staate Call of Duty? Richtig, denn durch eure Spielweise beeinflusst ihr den Spielverlauf auf große oder kleine Weise, egal, ob ihr es im Moment bemerkt oder nicht. Das verlängerte Abhören eines Gesprächs oder das Finden von belastenden Dokumenten verändern den Handlungsverlauf im Kleinen und Entscheidungen für oder gegen den Tod einer Figur ändern ihn im großen Maßstab. Auf diese Weise können wir bis zu sechs unterschiedliche Enden erleben. Das erhöht den Wiederspielwert enorm, zumal wir je nachdem mehr Spielinhalte zu sehen bekommen. Das Scheitern der oben erwähnten Mission schaltet eine Task-Force-Mission frei, in der wir die entführte Person aus den Händen der Häscher befreien müssen. Weitere Task-Force-Missionen in der wir taktische Einrichtungen verteidigen oder erobern, müssen wir nicht zwangsläufig schaffen, ihr erfolgreiches Abschließen erleichtern jedoch die Hauptmissionen. In den höheren Schwierigkeitsgraden verkommen diese optionalen Nebenaufträge zum Nervenkrieg. Das Gameplay bekommt nämlich hier einen ordentlichen Schuss Taktik verpasst. Auf einer taktischen Karte wollen Soldaten und Drohnen, wie in einem Strategiespiel dirigiert werden. Wir können bei Bedarf in jede beliebige Einheit springen, um persönlich der zahlenmäßig mehrfachen Übermacht Herr zu werden. Da sich die verbündeten Einheiten aber bei Zeiten, wie die Lemminge verhalten und sie dadurch fröhlich in Gewehrläufe spazieren, ist die direkte Kontrolle daher Pflicht.

Das erste Call of Duty Black Ops konnte mit einer tollen Story punkten. Doch sein Nachfolger schafft es mit einer sogar besseren Handlung, weil komplexer, glaubwürdiger und runder, zu begeistern. Das fängt bei den vielen historischen Persönlichkeiten des Spiels an: Wir kämpfen Seite an Seite mit Jonas Savambi im angolanischen Bürgerkrieg und treffen den panamaischen Diktator Manuel Noriega, die beide mit erschreckend realer Mimik ausgestattet sind. Diese Tatsache, in Verbindung mit den polithistorisch akkuraten Ereignissen an denen wir teilnehmen, sorgt für ein großes Atmosphäreplus. Auch die fiktiven Personen sind durch die Bank glaubwürdig.

Klar, wir harken mit dem väterlichen Admiral und dem schweigsamen Handlanger einige Klischees ab, aber die Mason-Protagonisten und Frank Woods sind mit ihren Zweifeln und Fehlern glaubwürdig gelungen. Das Highlight in dieser Hinsicht stellt aber Oberfiesling Raul Menendez dar. Anstelle einer gewissenlosen Inkarnation des ultimativen Bösen, setzt uns Treyarch den mit Abstand greifbarsten Charakter der gesamten Franchise entgegen. Mit Charisma und Wortgewandheit ausgestattet, gewinnt dieser Che Guevara 2.0 seine Jünger für seine Ziele. Doch seine wahren Beweggründe lernen wir als handelnder Spieler selbst kennen. Und diese gehen über antiwestliche Ansichten weit hinaus. Seine Motivation ist für jeden fühlenden Menschen nachvollziehbar und erweckt Sympathien, ja sogar Mitleid für unseren Todfeind. Und obwohl diese Hassliebe äußerst gut eingefangen und spielerisch toll umgesetzt ist, schlagen die Designer in einem Punkt über das Ziel hinaus: In einer Sequenz fällt der spielbare Menendez aus berechtigten Gründen in einen hysterischen Blutrausch und metzelt mit Schrotflinte und Buschmesser alles nieder, dass Köpfe und hektoliterweise Blut in stilisierter Zeitlupe durch die Landschaft fliegen. Dadurch mutet das Spiel wie eine alberne Karikatur seiner selbst an. Aber das ist ein relativ kleiner Makel angesichts der sehr Runden Geschichte. Technisch müht sich Call of Duty Black Ops II ordentlich ab, die Schwächen seiner sichtlich angegrauten Grafik-Engine auszubügeln. Bisweilen matschige Texturen und generelle Polygonarmut werden durch sehr sehenswerte Wetter- und Lichteffekte, sowie realistische Gesichts- und Körperanimationen abgerundet. Zwar sieht das Spiel immer noch gut aus, doch fühlen wir uns im Aufschrei bestätigt, der Reihe sei doch endlich eine neue Grafik-Engine vergönnt. Ein Riesenlob verdient hingegen der Sound! Treyarch liefert eine hervorragende Tonabmischung ab. Wir haben sogar die Wahl zwischen verschiedenen Sound-Mixes, inklusive Höhen- und Tiefenverstärkung – ein Fest für Surround-Fans! Auch die Musik weiß zu begeistern. Der orchestrale Score von Mass Effect-Komponist Jack Wall gehört mit zum Besten, was wir dieses Jahr hören durften.

 

 

Ich bin ganz ehrlich, wenn ich sage, dass ich von Call of Duty Black Ops II nicht mehr, als den jährlichen Call of Duty-Krawall erwartet habe. Aber Blops II, wie ich es nenne, hat mich sehr überrascht. Klar, es ist immer noch ein stark geskriptetes Action-Spektakel, aber die mal passiven mal aktiven Entscheidungen in den Levels geben mir das Gefühl das Spiel wirklich selbst in eine bestimmte Richtung lenken zu können. Das motiviert andere Entscheidungen auszuprobieren, um andere Enden zu erleben und erhöht die Spieldauer. Aber auch ohne Wiederholungen stemmt Blops II locker die doppelte Länge eines Modern Warfare 3. Die neuen Taktikeinsätze sind trotz umständlicher Bedienung, eine willkommene Abwechslung. Die Story um die Masons und den Werdegang Raul Menendez‘ ist hervorragend gelungen. Besonders Menendez selbst ist ein erzählerisches Highlight. Von mir daher eine klare Kaufempfehlung für die Shooter-Überraschung des Jahres!


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Autor: Tim Hildebrandt

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